brave new world

Eine Welt, die von einem auf den anderen Tag ihrer gewohnten Konturen beraubt wurde. Die plötzlich nur noch verwaschen vor den Augen schimmert, gleichgeschaltet und graugespült. Eine Welt, in der das Zerdenken von Unvorhersehbarem zur neuen Maxime erklärt wird.

In dieser neuen Welt soll Flucht nicht Schwäche, sondern Stärke sein. In ihr wird der Abbau zelebriert und ständig zündet irgendwo ein Feuerwerk, weil wieder ein Mauerstein entfernt wurde. Hier ist die Nacht nicht schwarz. Hier leuchtet sie in absurden Farben und trägt den Wahnsinn auf die Netzhaut.

Aber ohne Konturen gibt es keine Leitmotive, gibt es keinen Halt, gibt es nichts. Wer hier springt, stürzt ins Bodenlose. Mit jeder Vorwärtsbewegung tritt man weiter auf der Stelle, weil es keine Bezugspunkte mehr gibt, weil sich jede Räumlichkeit ohne Umrisse irgendwann selbst als Hirngespinst entlarvt.

am rand blau

Wir laufen durch leuchtenden Milchschaum, ich male Herzen in die Luft, sorgenfrei und verliebt, und sie, sie fetzt Wolken in den Himmel, feine Haarsträhnen aus Sprühsahne, ihre Augen sind spiegelndes Glas, zwei schimmernde Perlen, in denen Regenbögen wohnen, ihr Lachen ist heute noch ansteckender, butterweich und gelb wie eine Honigmelone, das Sonnenfluten fällt in Kaskaden in den aufsteigenden Tag, und ihre Stimme ist eine schwebende Melodie, in der aus allen Worten, die aneinandergereiht durch die Stunden pendeln, violettblauer Lavendelduft strömt, bis unseren Gedanken Flügel wachsen und wir die unbezwingbaren Helden in einer Stadt aus Glas sind.

Mit aufrichtigen Liebesschwüren im Gepäck segeln wir auf das offene Meer, federleichte Küsse sind unsere einzige Wegzehrung, unsere Lungen sind wie Wachs, und der Geschmack des Feuers liegt auf unseren Zungen, die ausgehöhlten Linien am Horizont und das Flimmern von Texturen und Schatten warten auf uns, und das krachende Aufschlagen von fragilen Wellen, vielleicht hilft es, die Übergänge zu löschen, vielleicht hilft es, Utopien aufzurichten, sie wie Segel in den Wind zu hissen, straff und mit dem richtigen Einfallswinkel, um dem Unausweichlichen zu entkommen, vielleicht hilft es, den Fischen zu vertrauen, die aus dem Wasser springen, die zerbrechliche Oberfläche zerteilen und wieder in der Tiefe verschwinden, vielleicht, ja vielleicht haben wir an diesem Tag die Chance, die Welt anzuhalten und sie in die andere Richtung drehen zu lassen, vielleicht, wenn wir zusammen die Hände ins Wasser halten, vielleicht können wir den Lauf der Dinge anhalten, vielleicht können wir weiße Quarktupfer in den Ozean aus zartrosa gefärbtem Wahnsinn hauchen, vielleicht können wir uns unsterblich machen, wenn wir Freudentränen in Taschen verpacken und sie an Wolken verteilen.

Aber in diesem Moment, in dem zwischen A. und mir alles makellos ist, spüre ich, dass sie die Sonne ist. Und dass diese Sonne irgendwann verglühen wird.