wörter, die ich mag, die mich in staunen versetzen, über die ich lachen kann oder die mich zum weinen bringen. wörter, die ich irgendwo aufschnappe, die an herzen hängen, in tränensäcken schlummern, die zwischen buchdeckeln leben, an hausfassaden haften, die in vergessenheit geraten sind oder die ich mir ausgedacht habe. wörter zum gernhaben, festhalten, merken, aufschreiben, buchstabieren, laut aussprechen oder leise darüber nachdenken.
emotional or reason, now which one do you obey?
spooks – “things i’ve seen”
sie fangen ja meist ganz harmlos an, diese geschichten, erst streifen sie deinen arm, nur ganz sacht, so, dass sich vielleicht die härchen von der leichten berührung aufrichten, dass da vielleicht der ansatz einer gänsehaut zu erkennen ist. aber irgendwann legen sie sich wie steine in deine magengrube und diese gänsehaut, sie wandert eines tages über deinen herzmuskel, umschließt ihn mit eisigen bewegungen und dann fühlt sich das alles nicht mehr wie ein wohliger schauer an, nein, dann hat das mehr ähnlichkeit mit einem wolkenbruch, der sich in dir eingenistet hat.
– über was denkst du nach?
– über uns …
01:33
sie senkt den kopf, weil sie sich zu viele erinnerungen in den nacken geklemmt hat. sie sitzt mit angewinkelten beinen vor ihrem bücherregal auf dem boden – dostojewski, nabokov und murakami im rücken –, und das glas rotwein, das sie schluchzend mit ihrer hand umklammert, fängt ihre tränen auf, die von ihren leicht geröteten wangen wie perlen in die tiefe fallen.
obwohl sie die beziehung beendet hat, fühlt sie sich verlassen. sie möchte schreien. und einfach nur still sein. sie ist absolut leer. und gleichzeitig ein fass, das kurz vorm überlaufen ist. da war nichts, was ihr den abschied erträglich gemacht hat. nichts, was sie aufheben und an ihr herz pressen könnte. da war nur dieses widerliche aufbäumen, das sich ihr in den weg gestellt hat. das vielleicht nach atemnot klang. nicht aber nach luftholen. so, wie sie es sich vorgestellt hatte.
das ganze darüber nachdenken und in zweifel stellen verschachtelt ihren kopf. sie ballt die hände zu fäusten und schlägt gegen die wand. zuerst sind es nur zaghafte versuche, sich wieder zu spüren. doch dann schlägt sie fester zu. wieder und wieder. bis ihre fingerknöchel blutig sind, weil die haut allmählich aufplatzt und in kleinen fetzen herunterhängt. sie verteilt rote spuren auf der weißen rauhfasertapete. spuren aus verzweiflung und nackter wut.
sie greift nach kafka am strand. wirft es voller wucht in die hinterste ecke ihres wohnzimmers, will kafka nicht mehr sehen. greift nach lolita und schmeißt es kafka hinterher. sie trinkt mehr wein. und mit jedem weiteren schluck zieht sie eines ihrer bücher aus dem regal und schleudert die aufwirbelnden seiten in hohem bogen durch den raum. sie ist sauer, weil ihr die wortgewandtheit gefehlt hat, um sich zu erklären. jetzt will sie worte leiden sehen.
22:54
– es funktioniert einfach nicht … mehr hast du mir nicht zu sagen? mehr nicht …?
– mehr kann ich dir nicht sagen …
– die ganze zeit über wolltest du meine aufmerksamkeit. aber meine gefühle, die stören dich? was ist das? verträgst du keine nähe? hast du angst vor liebe? oder bist du einfach nur beziehungsunfähig?
– sei still. bitte, sei endlich still …
– was erwartest du? dass ich das so hinnehme, vielleicht einmal mit der schulter zucke und so tue, als wäre nichts geschehen? als wäre all das zwischen uns nur ein spiel gewesen …?
– schnauze!
– ich lasse mir doch von dir nicht den mund verbieten! verdammt, ich bin es leid, mich deinen regeln unterwerfen zu müssen. fuck you!
– fuck you?, wiederholt sie trotzig, ja, du hast recht, vielleicht sollte ich das machen. ich kann es mir auf jeden fall besser besorgen als du …
er greift nach ihrem kohlschwarzen haarschopf, zieht in ruckartig nach unten und funkelt sie von oben herab an:
– weißt du was? such dir von nun an typen aus, die du am nächsten morgen zum teufel jagen kannst. oder die dumm genug sind, sich nicht in dich zu verlieben. denn mit so etwas kannst du ja scheinbar nicht umgehen …
– arschloch, stammelt sie schluchzend.
– viel zu lange schon, schätzchen. viel zu lange …
er scheint noch etwas sagen zu wollen, schluckt es aber runter, dieses pulsierende gefühl von unverständnis, sucht noch einmal ihren blick – die whiskyfarbenen augen, die weit aufgerissen ins leere starren –, holt tief luft und ein geräusch von stumpfer machtlosigkeit schlüpft aus seinem mund. ein feuchtes schimmern lässt erahnen, dass er mit den tränen kämpft, dass er sich nicht zwischen wut und sehnsucht entscheiden kann. er macht eine ausladende geste mit seinen armen, als wolle er all das, was eben gesagt wurde, zur seite fegen, streicht ihr sanft mit den fingern über die wange und hinterlässt auf ihrer haut ein warmes kribbeln, das sich nicht nach freundschaft, sondern nach den vorboten eines endgültigen abschieds anfühlt.
bei dieser letzten berührung, da muss sie daran denken, wie sie eines nachts vor seiner tür stand, tränenüberströmt, die augen verheult und gerötet. er nahm sie an die hand, sagte nichts, zog sie in den flur und seine arme schlossen sich um sie. so hielt er sie minutenlang wortlos fest, bis das zittern allmählich nachließ, dann nahm er ihren kopf zwischen beide hände, löste ihn von seiner brust und blickte ihr tief in die augen: so, und jetzt nehmen wir die letzten beiden tränen und verwandeln sie in ein lächeln. er strich mit seinen daumen über die glitzernden spuren die unter ihren augen verliefen, senkte die finger ein wenig und zeichnete die ausläufer eines lächelns mit seinen daumen von ihren mundwinkeln hin zu ihren grübchen. diese kleine geste, sie wirkte so banal und irgendwie auch kitschig, und dennoch musste sie tatsächlich lächeln.
aber jetzt verrauscht all das in aufsplitternden gefühlen. er dreht sich um, geht in richtung flur, merkt, dass seine jacke noch über dem stuhl hängt, geht zurück, nimmt sie und verlässt mit entschlossenen schritten ihre wohnung. bevor die tür zuknallt, glaubt sie ein leises lebewohl zu hören. was nun zurück bleibt und diese nacht in ungleich schwärzeres licht taucht, ist nur ein kaltes schweigen. und das leichte beben, das wie die mitternachtsschwere brandung durch ihren körper schwappt.
19:27
wie ein kummervoller schmetterling, der gefahr läuft in tautropfen zu ertrinken, steht sie vor ihrem kleiderschrank und schmeißt alle möglichen sachen auf ihr bett. sie kann sich nicht entscheiden, was sie anziehen soll, zwängt sich letztlich in eine hautenge jeans, die sich makellos um ihre schlanken beine schmiegt, schnappt sich eine neue bluse und taucht in den weichen baumwollstoff, als könne sie damit wahrheiten genauso leicht verhüllen wie ihre vollkommene figur.
sie steht fast so lange im bad wie vor ihrem ersten date. dieses mal aber nicht, um ihre aufregung zu überdecken, sondern um ihre unsicherheit unter einem perfekten make-up zu verstecken. die kleine bisswunde an ihrer oberlippe, das überbleibsel der vorletzten nacht, als der typ meinte, ihr in die lippen beißen zu müssen, sie überlegt noch, ob sie es überschminken soll, greift nach einem roten lippenstift – russian red –, aber sie legt ihn wieder zurück, weil sie sich sicher ist, dass er es so oder so sehen wird, dass er sich seinen teil denken wird, und dass es auch keinen unterschied mehr macht.
sie ist zerrissen. wie diese fotos, die man nach einer trennung voller zorn in zwei hälften zerteilt. weil sie sich freut, ihn wiederzusehen. und weil sie angst hat. weil sie nicht weiß, was sie ihm sagen soll. sie trinkt noch einen schluck wein. und putzt sich dann ein zweites mal an diesem abend die zähne.
einige stunden später
der nächste morgen schwankt vorsichtig an dem schmalen, von einem dunklen holzrahmen eingefassten fenster vorbei. tiefe wolken zerteilen das wachsweiche ausatmen der sonnenstrahlen und würfeln ein ungleichmäßiges licht auf ihre zerwühlte bettdecke. das kurze vibrieren ihres handys reißt sie aus ihrem unruhigen schlaf. ein klopfendes unwohlsein kriecht ihre kehle hinauf, weil sie trotz allem hofft, dass die sms von ihm ist. und weil sie sich genau davor fürchtet. aber auf dem display steht der name des typen, der sich an ihrer lippe festgebissen hatte. der genau in dem moment in ihr leben geschlichen kam, als sie alles andere in frage stellte.
na, süße, den abend gut überstanden?
es war beschissen. und schrecklich absurd.
soll ich zu dir kommen?
lass mich in ruhe. lass mich einfach nur in ruhe …
sie lässt das handy auf den boden fallen, dreht sich mit angewinkelten beinen zur seite, zieht das große kopfkissen an ihre brust und umklammert es fest, weil sie sich an irgendetwas festhalten muss, an irgendetwas, das sich nicht wehren kann, das sie nicht im stich lässt. sie drückt ihr gesicht in das weiche kissen. und eine einzelne träne läuft an ihrer wange herab, schiebt sich zögerlich über ihr kinn und fällt auf das blumentattoo, das sich an ihrem hals entlang schlängelt. aber die dunkelrote belladonnalilie, die von ihrem schulterblatt bis hinter ihr ohrläppchen reicht, zeigt keine regung. nur ein leichtes auf und ab der blütenblätter lässt erkennen, dass nika überhaupt noch am atmen ist.
help, i have done it again i have been here many times before hurt myself again today and, the worst part is there’s no-one else to blame
be my friend hold me, wrap me up unfold me i am small i’m needy warm me up and breathe me
ouch, i have lost myself again lost myself and i am nowhere to be found, yeah, i think that i might break i’ve lost myself again and i feel unsafe
ich habe einen spleen. ich lese bücher so, dass sie hinterher ungelesen aussehen. ich knicke keine seiten. ich vermeide eselsohren. ich schreibe keine anmerkungen rein. ich unterstreiche keine sätze. ich lege sie nicht in die sonne, aus angst, dass sich die seiten wellen. und ich halte jedes buch beim lesen so, dass der rücken keine risse bekommt.
wenn ich andere dabei beobachte, wie sie kaffeeflecken verteilen, ihre bücher so weit aufschlagen, dass sich dünne bruchstellen auf dem rückentitel abzeichnen oder sie achtlos in vollgestopfte taschen werfen und infolgedessen allmählich die ecken abstehen und die kanten abgewetzt werden – dann bekomme ich bauchschmerzen. dann habe ich das bedürfnis, das buch aus den nichtsnutzigen händen zu reißen, es in meine arme zu schließen und das drangsalierte juwel in schutz zu nehmen.
dabei mag ich dinge, die abgenutzt sind. denen man ansieht, dass sie ein leben geführt haben, das spuren hinterlassen hat. ich mag es, wenn die verwitterung eine vielschichtige patina auf der oberfläche ausbildet. wenn farbe abblättert. wenn staub etwas in vergessenheit hüllt. und ich mag den geruch alter bücher. aber zerschlissene bücher, die bereiten mir bauchschmerzen.
vielleicht liegt es daran, dass ich in worte verliebt bin. dass ich so sehr in sie eintauchen kann, dass ich irgendwann ihren geschmack wahrnehme und ihre farben sehen kann. vielleicht liegt es daran, dass worte für mich libellen sind – verirrte meeresfische, die an land gespült werden und das wellenlose luftholen mancher tage mit ihrem flügelschlag zerteilen können. vielleicht ist das verrückt. aber worte sind manchmal alles, was bleibt, wenn auflösungsprozesse ihre fußabdrücke in den sand tackern. selbst sprachlosigkeit ist dann nur ein wort, das sich noch aufschreiben lässt, wenn die lippen längst aus lauter zorn oder verständnislosigkeit zusammengepresst sind.
in meinem bücherregal steht nur ein einziges buch, das durch und durch zerlesen aussieht. das aussieht als wäre eine horde von elefanten mehrere male wutentbrannt darüber hinweg gerannt: betty blue (im original: 37,2º le matin) von philippe djian. der rückentitel ist kaum noch zu entziffern, weil unzählige weiße risse über die auf schwarzen untergrund gedruckten buchstaben tänzeln. der kartonierte einband ist abgegriffen, die farbe an den rändern abgewetzt. die seiten sind vergilbt von all den zigaretten, die ich beim lesen geraucht habe. stellenweise sind sie verknickt, weil ich nicht anders konnte, als das buch wieder und wieder atemlos an meine brust zu pressen, wenn ich absätze verschlungen habe, in denen die aura des scheinbar banalen die poesie des alltags versprühen und ein bescheuertes grinsen in mein gesicht meißelten. manche sätze habe ich unterstrichen. manche sogar zweimal. und auf den letzten seiten sind wasserschäden, weil verrückte lieben stets traurig enden.
das buch ist so abgenutzt wie eine alte hure. aber jedes mal, wenn ich es wieder lese, ist der text so frisch wie der schoß einer jungfrau. es sind sätze, deren rhythmen wie musik daherkommen, die so leicht und klar wie ein unschuldiger gebirgsbach sprudeln und dennoch die wucht eines kinnhakens besitzen, die mich dieses buch so lieben lassen, dass ich es wenigstens einmal im jahr in die hand nehme. und sei es nur, um ein paar vertraute stellen nachzulesen.
jetzt liegt es als (gekürztes) hörbuch hier. ich habe mich lange dagegen gewehrt, weil ich der meinung war, ben beckers stimme sei zu schwer, zu tief für einen text, der so sehr von filigraner leichtigkeit lebt. aber schon nach den ersten sekunden haucht das volltönende brummen den unvergleichlichen takt eines schwerelosen lebensgefühls in meine ohren. und ich bin überrascht, wie schnell betty aus den zeilen aufsteigt und barfuß ihre flirrige energie durch meine eingeweide trägt. wie schnell sich die mauvefarbene gelassenheit eines sonnenuntergangs in meinen fingerspitzen breit macht. und dann sind da absätze, bei denen ich laut mitrede – so oft habe ich betty blue schon gelesen. so oft, dass ich irgendwann aufgehört habe mitzuzählen.
wahrscheinlich mag ich das buch so sehr, weil ich einen faible für verrückte liebesgeschichten habe. mich faszinieren kontraste. ich bekomme weiche knie, wenn hinter blitzenden fassaden an einer kleinen stelle das mauerwerk zu sehen ist. wenn hinter aufgerissenen designer-tapeten der verputz hervorlugt. wenn jemand meine texte liest und unter tränen lacht, weil er nicht weiß, ob er aufgeheitert oder traurig sein soll. und mich reizen unmöglichkeiten. weil erst sie uns dazu bringen, das land des lächelns auch dahin zu verschieben, wo selbst tagsüber kein licht brennt. wo sonnenaufgänge nur graue wolken in den morgen schmuggeln.
wahrscheinlich mag ich auch deswegen filme, in denen das unmögliche den ton angibt. filme wie lost in translation, bei dem es nicht darum geht, zu verstehen, was bob charlotte am ende ins ohr flüstert. sondern in dem es um all das geht, was nicht gesagt wird, was sich nur am mienenspiel und den kleinen gesten ablesen lässt. oder habitación en roma, der das zeitfenster auf eine einzige nacht beschränkt. und in dem die bezaubernde natasha yarovenko zwischen kopf und herz hin- und hergerissen ist (und deren lippen und das aufblitzen ihrer schneidezähne, wenn sie lächelt, mich an zungenschläge erinnern, die so bittersüß waren, dass ihr abdruck wie ein tattoo auf meinem mund haften blieb).
vielleicht ist das auch der grund, warum ich manchmal in ausgeschilderte fallen stolpere. warum ich warnzeichen übersehe und mich nackt in eiskaltes wasser stürze. weil ich an die tiefe wahrheit hinter solch trivialen sätzen glaube: machmal war das leben schön, voller überraschungen und ebenso sanft, wie es eine frau ab und zu sein kann, für so etwas, da muss man sich stets bereithalten.
und djian spart nicht mit solchen kalenderblattphilosophien. es sind simple sätze, die die leichtigkeit des seins nicht nur erträglich machen, sondern zu etwas lebens- und erstrebenswertem erklären: das leben ist voller kleinigkeiten, die einem das herz erwärmen, man muss nicht immer nach den sternen greifen. dafür braucht es kein abgeschlossenes philosophiestudium. und dennoch ist es gerade die unbefangenheit mit der djian erzählt – das lebendige und die gegenwartsbewusste sprache –, die seine erzählung nicht zur einer aneinanderreihung von erlebnissen degradiert, sondern aus ihr einen song macht, der knapp vierhundert seiten lang andauert.
dieses buch hat in mir die ahnung geweckt, zu was literatur fähig ist. wie wichtig stil ist. und wie sehr es ihn zu glätten, zu pflegen und immer wieder zu verbessern gilt. und es hat mir gezeigt, dass im leben andere dinge zählen als die üblichen konventionen und dogmen. dass in worten wahrheiten schlummern. und dass in ihnen möglichkeiten wohnen, mit denen die alltägliche tristesse in bunteren farben verziert werden kann. dass sinnlichkeiten und emotionen in jedem tag ruhen, bereit, mit nur einem handstreich aufgeweckt und ans tageslicht geführt zu werden.
manchmal, wenn man die augen schließt und das weiße rauschen gesellschaftlicher regelmäßigkeit ausblendet, dann ist alles, was noch von bedeutung ist, das gefühl, das durch das stetige schlagen deines herzens durch die blutbahn gescheucht wird. dann ist der reinste moment der, in dem du dir für dein mädchen den allerwertesten bis über beide ohren aufreißt. obwohl du genau weißt, dass sie dir irgendwann das genick brechen wird.
vielleicht ist es – neben der rasanz, mit der djian seinen erzählstil wie flirrenden jazz von seite zu seite treibt – die unbekümmertheit, mit der sein protagonist als der gegenentwurf eines modernen prinzen dasteht. mit leeren taschen und den kopf voller sorglosigkeit. aber wenn es um sein mädchen geht, ist er sich nicht zu schade, sie auf händen über glühende kohlen zu tragen. dann stellt er sich alles und jedem in den weg, um sie zu beschützen. schlussendlich sogar vor sich selbst.
was dann bleibt – und wie so oft unermüdlich im raum steht –, ist das résumé, das jede amour fou gleich einem schleier nach sich zieht: je verrückter eine liebe, je größer das kopfkissen, mit dem sie am ende erstickt wird …
ps: als sich die letzten tage des vergangenen jahrtausends die klinke in die hand gaben, war ich auf einer lesung von philippe djian. es war die erste in deutschland. und ich idiot wollte ihm nicht das buch vor die nase halten, das er vierzehn jahre zuvor veröffentlicht hat. das als kultbuch bezeichnet wird und ihn wahrscheinlich bis heute verfolgt. das in nahezu jeder rezension seiner werke erwähnung findet. nein, ich wollte ihm meinen respekt zollen und legte das buch auf den tisch, aus dem er vorgelesen hatte, und wartete mit schweißnassen händen darauf, seine widmung entgegennehmen zu dürfen.
aber eines tages, wenn betty blue nur noch von klebestreifen zusammengehalten wird, mache ich mich wieder auf die reise. und lasse das buch signieren, das mich länger als irgendwas oder irgendwer begleitet hat.
da liegt sie nun, die nächste lieferung. die zweitauflage, in der die meisten fehler korrigiert sind. die sich ungleich vertrauter anfühlt. die längst ihr eigenleben entwickelt hat und so etwas wie ein zaghaftes ausatmen in sich trägt.
noch einmal blätterst du die seiten durch. begibst dich auf ziellose reisen, wanderst durch luftschlösser und gravierst dir falten auf die stirn. noch einmal trinkst du herzen leer und wehrst dich gegen kopfgewalten. noch einmal. und dann legst du all das zerdachte fangenspielen zur seite.
ein ungestümes jahr liegt nicht nur hinter dir, sondern mittlerweile auch zwischen zwei buchdeckeln. vielleicht war das die sinnvollste möglichkeit, um endlich einen schlussstrich zu ziehen. etwas hinter zeilen zu verstecken, das sich ja doch nicht erklären lässt. es in ein buch zu verbannen, das du einfach zuschlagen kannst, wenn es dir zu viel wird. und vielleicht ist es jetzt an der zeit, einfach mal die schnauze!!! zu halten und dich auf die dinge zu konzentrieren, die auch einen gegenwert haben. die nicht nur dann auf der bildfläche erscheinen, wenn es ihnen in den kram passt. und die sich wie muscheln verschließen, wenn du mal vergisst zu schweigen.
ja, vielleicht ist es an der zeit, manches in einen schuhkarton zu packen und ihn unter das bett zu stellen. dahin, wo man nicht so oft nachschaut. und den blick auf dinge zu richten, die eine zukunft in sich tragen. zum beispiel auf das unvollendete buch, das sich sechzig seiten lang von himbeerflecken ernährt hat und nun auf frische musenküsse wartet. oder das leben an sich, das endlich in die hand genommen und gegen jedes aufbäumen, jedes sich in den weg stellen und jegliche stimmen aus dem off beschützt werden will.
ja, vielleicht ist es an der zeit, es mit deinen fingern fest zu umschließen, dieses leben. es endlich mit stolzgeschwellter brust in die höhe zu strecken und pfade zu erschließen, auf denen deine fußspuren die ersten sind.
und denk dran, du besitzt jetzt eine brille. vielleicht hilft das, manches klarer zu sehen.
mag sein, dass manches dein richtungsgefühl durcheinander bringt. dass sich bewegungen plötzlich in zeitlupen verheddern und du nicht mehr weißt, ob du vor- oder zurückläufst. dass sprechblasen platzen und sprachlosigkeit zwischen zwei traurigen augenpaaren hängt. dass da dinge bleiben, die sich jeglichen erklärungsversuchen widersetzen.
mag ja sein, dass manches eine sprengkraft entwickelt, der du nur entgehen kannst, wenn du dich dem wiederkehrenden rhythmus hingibst. wenn du das gleichbleibende pochen in ein analoges staccatissimo auflöst. weil vom ständigen nachdenken alles schon ganz abgegriffen ist. da, unter der kopfhaut, vorne, wo die haare allmählich den gedanken weichen, da zwickt und kratzt es, da wetzen löwen ihre krallen. und genau da wohnt dieses unangenehme gefühl, das ein bisschen was von zu kleinen schuhen hat, in denen die füße schmerzen. weil sich xenismen eingenistet haben, die zu viel raum einnehmen.
all das, all das und noch so vieles mehr – du greifst danach, weil du nicht wieder mit leeren händen dastehen willst. weil du den rotweinlaunen den kampf angesagt hast. ja, weil du es mit ihnen aufnehmen willst, du kleiner krieger, bewaffnest du dich mit buchstaben und wirfst sie in den grauen himmel, der sich wie eine beengende hülle über die tage gelegt hat. du stehst dort und wartest. wartest darauf, dass worte herabregnen, mit denen du dich zur wehr setzen kannst. mit denen du gegen absurde verknüpfungen eine chance hast.
und dann ist da dieser vogel, bijou ist sein name. verdammt, er ist flügelschwach, ihm wurden die tragflächen fixiert. und er weint, weil er nicht fliegen, weil er nicht dem leuchten folgen kann. und du, du hast nichts besseres zu tun, als ihm einen film über flugstunden zu zeigen.
er will frei sein, will seine flügelschläge in den nachthimmel tapezieren. aber er kann es nicht, weil er bei tschaikowskys romanzen (op. 38 no. 6) sein ziel aus den augen verloren hat. weil er sich in die ahnungslosigkeit verliebt hat. weil er den federn nachtrauert, die verstreut auf dem boden liegen und ihre torheiten verteilen. weil er im richtungswechseln immer wieder über seine füße stolpert.
der silberne schwinghebel schnellt nach vorne. mit der vollen wucht des tastenanschlags drückt er die type durch das farbband auf das papier. in immer kürzeren abständen springen aus dem halbkreis die schriftzeichen heraus und hämmern ihren gleichklang in den raum. und mit einem mal hörst du, wie bijou zu singen beginnt. wie sich seine helle stimme gegen das klackern auflehnt und das weiche begehren in seinem tonfall an den wänden entlangläuft …
irgendwie ist das ja seltsam. wie du deine koffer packst, ohne zu wissen, wohin dich deine reise führen soll. wie du auf luftstrecken deine nasenspitze gegen das kleine fenster drückst und versuchst, in gedanken wolkenschlösser zu kneten. wie du auf schienen die landschaft zerteilst und die augen schließt, um dem verwischen der farben nicht mehr folgen zu müssen. wie du auf staubigen straßen von schlaglöchern wachgerüttelt wirst und nicht aufhören kannst nachzudenken. wie du überall sein willst – nur nicht hier. seltsam, ja. weil du ein rastloser weltenbummler geworden bist, der zwischen verschlossenen türen einen ausweg sucht.
du bist stetig in bewegung. bist wie eine jazzmelodie, die unaufhörlich inmitten filigraner möglichkeiten pendelt. du folgst nur den zeilen, die sich im sonnenlicht auflösen. und den worten, die aus buchseiten fallen. du bist ein weltumsegler ohne segel. du verläufst dich, ohne ein festes ziel zu haben. du gehst und gehst, aber deine schritte sind nicht entschlossen. sie seufzen zögerlichkeit auf deinen weg.
seltsam, dass du immer wieder postkarten kaufst. vielleicht auch um dich zu vergewissern, wo du zwischen dem verknüpfen von entfernungen gerade innehältst. vielleicht ist das deine art von analoger standortbestimmung. aber es steckt mehr dahinter. du kaufst postkarten, auf denen gebäude abgebildet sind. gebäude, die aus zusammengewürfelten geometrien bestehen. aus versetzten stockwerken, welligen betonlinien oder schrägen glasfronten. aber auch gebäude, an deren mauern jahrhunderte vorbeigeflossen sind. auf denen mächtige kuppeln thronen, die ihre horizontalen kräfte auf massive widerlager verteilen.
du greifst nach architektonischem lächeln. und das ist nicht seltsam. denn du weißt genau, warum. weil du bei li(e)beskind nicht an taschen denkst. sondern an philosophische formensprache, die der baukunst neue sinnzusammenhänge verleiht. kannst du dich noch erinnern, wie du als jugendlicher davon geträumt hast, mit architektur geschichten erzählen zu können? ja, das kannst du. weil sie dich wieder daran erinnert hat. aber mittlerweile hast du eine andere sprache gefunden.
jetzt bist du rastlos. verrennst dich in lichterlosen irrwegen und changierenden reiseplänen. du hauchst im pulstakt deine fußspuren auf fremde pflastersteine. du krempelst die ärmel hoch und steckst die hände in die taschen, wenn du deine melancholie hinter distanzen verstecken willst. du schlummerst mit halbgeöffneten augen auf durchgelegenen matratzen. du vagabundierst im dämmerzustand durch tagträume. und ein wirrwarr unbekannter wörter küsst deine ohren.
du verschwendest dich. du xerografierst jeden tag die gleichen bilderwelten. weil ja doch alles irgendwie austauschbar ist, flutest du deine wahrnehmung mit kaum registrierbaren abdrücken. du zelebrierst das verfehlen von gelegenheiten. du stellst dich dir selbst in den weg. und kommst nur dann zur ruhe, wenn du dir für einen wimpernschlag eine unterbrechung schenkst. wenn du in einem café sitzt. auf einer parkbank. oder einer mauer. dann kann es passieren, dass du eine postkarte aus deiner reisetasche hervorholst. du greifst zum stift und beginnst zu schreiben.
mal schreibst du auf, was du erlebt oder gesehen hast. mal notierst du nur ein einzelnes wort, das dir gefällt. obwohl du gar nicht weißt, was es zu bedeuten hat. etwa azahar oder libélula. dann wieder sind es stimmungslagen. kleine beobachtungen. oder gesten. lautmalereien. farben. wetterbeobachtungen. ja, über das wetter kannst du viele worte verlieren … und manchmal schreibst du über das, was dir seltsam vorkommt. wie seltsam du es findest, dass die sonne jeden abend in das meer fällt, ohne dabei nass zu werden. oder wie seltsam sich die tränen anfühlen, die über deine wangen kullern, wenn aus einem geöffneten fenster la traviata auf die straße geweht wird.
seltsamkeit ist deine reisebegleiterin. und sie ist deine einzige. seltsam ist vielleicht auch, dass du nicht eine postkarte abgeschickt hast. du hast sie frankiert und auf jede karte die gleiche adresse geschrieben. aber du steckst sie alle zurück in deine reisetasche. und trägst sie von einem ort zum nächsten. denn briefkästen machen dir angst. weil du das gefühl hast aufzuwachen, wenn du vor ihnen stehst. weil sich dann dein bewusstsein verschiebt und deine hand zitternd in der reisetasche die postkarten umklammert. aber du taumelst weiter. ohne ziel. und ohne festen boden unter den füßen. nur noch bis zur nächsten straßenecke. nur noch ein stückchen. nur noch wenige meter. dann kannst du wieder atmen. dann kannst du wieder frei denken. und deine marschroute dem lauf der sonne unterordnen. und vielleicht, ja vielleicht fühlt sich das alles irgendwann nicht mehr so seltsam an.
bei allen unterschieden gibt es auch übereinstimmungen. du weißt es. weil da dieses gleiche verlorensein pocht. weil wir beide versuchen, depressive fußspuren mit dem absatz zu verwischen. weil wir rotlichter eintauschen möchten. gegen irgendwas, das endlich wieder pulsiert. das uns vergessen lässt, dass unsere herzen aufgehört haben zu atmen. und eine stille über allem liegt, die stärker ist als jedes geräusch. die selbst das krallenwetzen der wilden seelen in unseren kopfgefängnissen überlagert.
ja, wir funktionieren. keiner soll uns etwas anderes nachsagen. wir meistern das leben. wir bewegen uns wie stolze schwäne. und verstecken unsere tränen unter der wasseroberfläche. wir tackern und klackern wie aufgeputschte maschinen entlang der oberflächlichkeiten, nach denen sich alles richtet. die aber letztlich keine bedeutung haben. wir spüren das. und unterwerfen uns dennoch falschen spielregeln. klammern uns jede nacht an verlorene hoffnungen. an katzen. an teddybären. und an fremde idioten, die uns doch nicht verstehen. nur weil wir für einen augenblick die einsamkeit vergessen wollen, die tief in uns ihr nachtlager aufgeschlagen hat. aber mit trostpflastern kann man sich nicht zudecken.
we’re just two lost souls swimming in a fish bowl …
nur ein langes t-shirt. enganliegend. ihre schlanken beine wie zusammengeschnürt. ein fuß leicht angewinkelt. du konntest nicht anders, als innezuhalten und sie dabei zu beobachten. wie sie am offenen fenster stand. und traurigkeit in die nacht rinnen ließ. mit unschlüssigen augen. die du gar nicht sehen konntest. weil sie mit dem rücken zu dir stand. du hättest so gerne die melancholie eingesammelt. sie irgendwo in der dunkelheit versteckt. doch das ging nicht. nur die wehmütigen perlen von den wangen küssen. an manchen abenden. aber nicht die welt retten. das überstieg deine möglichkeiten. das hast du gespürt in diesem moment. trotzdem bist du zu ihr gegangen. hast von hinten die arme um ihre taille gelegt. hast versucht, sie festzuhalten. um sie vor dem fallen zu bewahren.
sie hat sich leicht erschreckt. weil du dich lautlos angeschlichen hast. weil sie gedankenverloren war. weil sie immer an anderen orten war, wenn sie bei dir sein sollte. doch du hast das alles auf dich genommen. hast das mädchen am fenster beschützen wollen. das mädchen, das so einsam wirkte. du hast versucht, sie zum lachen zu bringen. weil jedes lächeln von ihr ein kleiner sonnenaufgang war. weil doch sonst nichts zählt. komm schon, das ist es doch, woran du glaubst. an das lächeln von meerjungfrauen, die aus den wellen steigen.
du konntest nicht anders. aber jetzt stehst du am fenster. und dein blick ist traurig. du hast immer noch dieses bild vor augen. das bild von dem mädchen am fenster.