beat ohne melonen

goldener nebel vertanzt die träume,
das wasser zaudert & der rhythmus

bricht:

doch anstatt auszuholen, den tag zu
formen & das vakuum zu vermeiden,

streicheln wir die luft dicht, nehmen
die eiswürfel & kratzen den leichtsinn.

wir ziehen vorbei: am flow. ohne dem
saft der melonen – nur taub & dösig,

aber dafür mit freiem blut.

wir blinzeln kurz, als wir das vakuum verlassen

ein aufgebrauchter takt, ein schneller blick auf die wunde und dann eine stille, die sich zwischen unerreichten orten spannt. ihr gesicht ist ein leerer fleck. dunkel und müde. nur kann er das nicht sehen. weil er noch auf den einschlag wartet. mit gesenkten lidern und dem kopf zwischen zu engen wänden.

er hat sich an der trägheit des abends irgendwie die lippen aufgeschlagen. und jetzt knallt auch noch das pudrige licht seiner fragen in den raum. mit einer kraft, die ihr die müdigkeit aus den augen reißt.

weißt du denn: wie geduld schmeckt? welche farbe sehnsucht hat? wie lange zu lang ist? und ob man damit einmal um die erde kommt oder nur bis zur nächsten straßenecke? wie laut schlaflosigkeit ist? nach was vorfreude riecht? und mit welchem schwarz die nächte gestrichen sind? ob man gedanken berühren kann? und wie oft man das wort struktur buchstabieren muss, bis man es spürt? welches gewicht ein tiefes seufzen hat? wann sich fragen abnutzen? und woran?

verschiebung

hier tranken wir filme
& zerdachten ganze romane
mit rotweinflecken

nun verwehen die gardinen am fenster
allmählich die kirschbaumblüten

schwarze schafe, der straßenstaub und all die anderen dinge

frag nicht

warum die dinge aus der welt fallen,
wenn wir die augen nach jemandem
ausstrecken

&

warum die bettdecke in wellen erstarrt,
wenn wir ruckartig feuchte nebelbänke
ausatmen

&

warum wir uns nicht an zungen verschlucken,
wenn wir küsse buchstabieren und lippen
zerstören

hundert wörter, acht …

habseligkeiten

zwischenstufen

& irgendwo auch tapetenflüstern:

während du fällst & das ausschneiden
von satzfetzen verzweifelst

mit dem gewicht eines zarten
fuck you auf dem pelzigen

zungenschlagen, das

so weich & ohne anhäufung
von jener wohnlosigkeit

unter den dächern kapituliert
& bei jedem kopfschütteln:

den wahnsinn staubwirbelt;
blind & mit einem ausdruck

von nichts wie weg auf den
frostgeschwächten lidern

rückkehr

weil in engsten verhältnissen
raumgreifendes aufeinandertreffen
zeichen verweht
& weil in köpfen gedanken wie
scherenschnitte zu laub verfallen
während novembertage graugezogen
an ihr vorüberrauschen:

will sie geweckt werden;
will sie lavendeln & den kreis verlassen
& das helldunkel – das ihren blick entzweit –
verstecken, will goldfaul versinken,
die schritte zerteilen, will den zerfransten
fluglärm einsammeln, ihn sedieren
& die koffer – haushoch –
über etwas leeren,
das sich heimat schimpfen lässt.

aussicht

das wetter in den ausgefransten augenrändern:
liegen wir & ich träume
von fingerbetäubender großstadtferne;
kann dich kaum anfassen,
weil das kribbeln in den spitzen
mich dreht & jedes falsche lächeln
ein loch in die ufer brennt,
die an den fensterbänken entlangeilen

bald nur:

ich besaufe mich kopfüber an dir
& du tastest meine gedanken weg;
dein mund schultert die erschütterungen,
bis endlich – folgenleicht – auf deinem handrücken
dann doch wieder platz für schlaf ist

die rotation

das ist der sommer sagt sie, und ihre stimme
ist ein einziges schallschlucken. ich scharre
mit meinen worten ein loch in das zimmer:
er lauert mit händen voller wasser, hör nur,
das plätschern seiner finger auf den straßen-
teichen, es tippelt wie das stete wechseln der
jahresleichen. sie schwenkt ihre ohren in das
rauschen. wie immer fliegen ihre wimpern in
die gleiche richtung. bis wir ihnen an den rand
des zitterns folgen. dahin, wo wir uns auffangen.

so einsortiert im grün gehen uns die gedanken
allmählich aus. keine gehirne zerpflücken! liegen
und die tropfen aus der luft klauben flüstert sie.

ein lichtschwarm hängt über uns. und dennoch
– weil das gras mit feuchten perlen nach uns
schlägt – glänzt ein frösteln auf ihrer haut.

zwischenwelt

stell dir einen ort vor, an dem die jahreszeiten nicht an bäumen wachsen. an dem wetterwarnungen an grauen vormittagen von rotweinleichen verschluckt werden. und herzgeschwächte idioten in metaphern leben. ein ort, an dem murakami deine träume schreibt und dich nicht mehr aufwachen lässt.

dieser ort nennt sich zwischenwelt. er beginnt dort, wo die realität aufhört und erstreckt sich bis an die weite grenze deines unterbewusstseins. hier herrscht seelenlose zeitlosigkeit. eingefärbt in das taubengraue gähnen der immerwährenden regenwolken, aus denen sich lang gezogene regentropfen wie im zeitraffer auf die erde strecken.

am rande der verlorenen stunden richtet sich ein zauberwürfel in die dunkelheit. ein schwarz glänzender kubus, geformt aus lichtschluckenden flächen. seine kanten bohren sich bis weit in die wolkendecke, so dass es den anschein hat, als sei er von zwei entgegenliegenden ebenen eingefasst. dem nassen asphalthimmel unter und dem schweren regenmeer über ihm.

vor dem quadratischen eingang des würfels stehen stämmige wächter in schlecht sitzenden anzügen, die jeden besucher geringschätzig von oben bis unten mustern. die stolzen einhörner, die das einzige licht dieser welt in sich tragen, winken sie ohne jeden kommentar durch. aber bei allen idioten, die aus der zwischenwelt in das echo des würfels stolpern wollen, klatschen sie sich belustigt auf die breiten oberschenkel und gewähren nur denen einlass, die die dunkelsten schatten hinter sich hertragen.

ich folge den stufen und betrete den von gelbem lichtpulver nur schwach ausgeleuchteten vorraum. noch bevor das mädchen an der kasse etwas sagen kann, hole ich die schwarze clubkarte hervor. sie blickt nur kurz auf das scheckkartengroße etwas und drückt den stempel schmatzend in das nasse stempelkissen. ich krempele mein hemd etwas hoch, strecke ihr meinen rechten unterarm entgegen und lasse mir einen schwall erinnerungen auf die fläche direkt unter dem handballen stempeln. da, wo eine blaue ader zwei hervorstehende sehnen kreuzt, fließt aus den zerrissenen konturen des würfelförmigen abdrucks ein monoton klopfendes geflecht aus verwaschenen bildern meinen arm hinauf, greift mit kalter hand um meinen herzmuskel und strömt durch die weitverzweigten verästelungen der aterien bis in die herzfernsten regionen meines körpers.

– deine träume musst du oben an der garderobe abgeben. aber das weißt du sicherlich.

ich nicke kurz. das stete fluten der erinnerungen sticht in den schläfen. ich verspüre das anstürmen eines leichten schwindelgefühls. und dennoch gehe ich auf die steile treppe zu, an deren ende eine schwere tür das wummern zurückhält. noch einmal drehe ich mich um. der blick des mädchens haftet sich an meine augen und tonlos klettert ein satz über ihre lippen. obwohl ich ihn nicht hören kann, legt er sich wachswarm in meine ohren. no more tears, my heart is dry.

kaum dass ich die tür öffne, stampfen die schweren rhythmen über den boden und kriechen durch meine fußsohlen. sie wandern die beine hinauf – wie glucksender schluckauf – und legen sich bleiern in meine magengrube. doch da muss ich jetzt erst mal durch. das seelenschleifende stampfen verlangsamt meine schritte, aber es hält mich nicht auf. ich wehre mich gegen das träge zupacken, und gehe auf die garderobe zu, um meine träume abzugeben. ich weiß genau, würde ich das nicht machen, verlöre ich über kurz oder lang den verstand. und wer in würfeln seinen verstand verliert, der wird ihn nicht mehr wiederfinden. das ist eines dieser ungeschrieben gesetze, die für alle idioten gelten, die sich in zwischenwelten aufhalten.

meine träume zappeln wie gestrandete fische als ich sie aus der jackentasche hervorhole und auf die ablage vor der garderobe lege. das mädchen, das meine träume in einen weißen stoffsack packt und ihn an einen der unzähligen nägel an der wand hinter sich hängt, sieht genauso aus wie das mädchen unten an der kasse. das gleiche wallende haar, das sich schwarz auf die schmalen schultern legt. die gleichen braunen rehaugen, die gleichen vollen lippen, die gleiche spitze nase. das gleiche schwarze hemd, von dem die ersten drei knöpfe offen stehen. ich frage mich, wie das sein kann und komme zu dem schluss, dass es sich um zwillingsschwestern handeln muss.

sie schiebt mir über die ablage eine längliche karte aus schwerem karton zu, auf dem die nummer 11-12-10 steht. die kanten sind abgewetzt, die zwölf etwas brüchig, der farbauftrag nicht mehr an allen stellen gleichmäßig, so dass die lettern aussehen wie verwitterte grabinschriften. bevor ich die karte einstecke, lasse ich sie durch die finger gleiten, streife mit den fingerkuppen über die ränder und ziffern. ich schaue auf meinen daumen, will sehen, ob die druckerschwärze abfärbt, aber auf dem daumen ist nichts zu sehen. dann drehe ich die karte um – weniger aus neugier als vielmehr aus reiner zufälligkeit. zuerst scheint die rückseite leer, doch sobald ich sie in dem fahlen licht etwas neige, glaube ich eine feine schrift zu erkennen: i don’t laugh and i don’t cry.

aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. denn hier scheint manchmal alles möglich zu sein. ich stecke die karte ein. keine zeit für überlegungen. keine zeit für trockenes nachdenken. meine augen verengen sich zu schmalen schlitzen, dann gehe ich quer über die tanzfläche, zwänge mich durch die zuckende masse, die ekstatisch das graue leben von sich schüttelt und grüße mit kaum wahrnehmbarem kopfnicken ein paar bekannte gesichter, die links und rechts ihr bescheuertes grinsen in das gewitter aus lichteffekten werfen.

an der bar bestelle ich ein glas flüssiger erinnerungen, einen wodka red-bull. ich versuche mir die farben und konturen zurückzusaufen, um die verblassten bilder mit leben zu füllen. und irgendein blondes gör, das viel zu jung ist, um so aufgedonnert durch die nacht zu mäandern, reibt mit jeder tanzbewegung ihren hintern an meiner hüfte. aber mit all den sehnsuchtsflecken im nacken, die mich noch immer lautlos aufschreien lassen, drehe ich mich weg. weg von dem aufgesetzten irrsinnskitsch und bestelle einen zweiten wodka energy, nachdem ich den ersten in einem zug geleert habe. ich bleibe an der bar stehen, ohne mich dafür zu interessieren, was um mich herum geschieht. es folgen noch drei weitere drinks, bevor mich die rauschhafte wärme auf eines der sofas trägt, die rings um die tanzfläche stehen.

da sitze ich und kratzte mit meinen blicken die erinnerungen von den wänden. da, wo sich ihre beine wie schraubstöcke in den himmel gebohrt haben. da, wo ihr lächeln zwischen longdrinks und eiswürfeln die nacht in glitzernde scheiben geschnitten hat. da greife ich nach meinem handy, überlege, soweit es mein von alkohol und bitterkeit geschwächter zustand noch zulässt, ob ich mich der lächerlichkeit preisgeben soll. aber da ich meine träume an der garderobe abgegeben habe, verläuft sich der gedanke zwischen den fragwürdigen schattierungen, die über die wände huschen. und die hand, die das handy in der hosentasche fest umschlossen hat, löst sich wieder.

unsere herzschläge waren heldenklänge. metallisch grün schimmernde kolibris, die im beat der winterlaune mit ihren flügelschlägen so etwas wie gedankenlosen wahnsinn in die luftlöcher getrieben haben. und unsere lippen waren zwei wilde tiere, die von einsamkeit und vorsicht getrieben aufeinander zu gerannt sind. im fallen haben wir das leben kennengelernt, aber beim aufschlagen unser lächeln verloren.

unvermittelt beginnen die alten konturen wieder zu leuchten. das rückläufige denken spult sich nun quietschbunt vor meinen augen ab. was dazu führt, dass der arsch einer göttin wie eine nebelwolke vor mir auftaucht und unablässig vor mir hin und her wackelt. ich strecke die hände aus, um sie zu mir zu ziehen. aber sobald ich ihren po berühre, tanzt sie einen schritt von mir weg. und bewegt sich im nächsten moment wieder auf mich zu. eine verführung ohne happy end. ein gleichzeitiges wegstoßen und festhalten. ich bekomme einen private lap dance aus zähflüssiger erinnerung mitten in der tiefschwarzen tönung des elektronischen soundgewitters präsentiert.

erschöpft senken sich meine lider. ich versuche hinter der dünnen hautschicht ein versteck zu finden, das mich vor den weichen bewegungen ihres körpers bewahrt. aber da ist nichts, was mir die bilder nehmen könnte. nichts, was dieses lächeln und die halbgeöffneten lippen verschwinden lassen könnte.

das gefühl, einen tiefen biss zwischen den schulterblättern zu spüren, reißt mich aus meinem flashback. ich öffne die augen, und vor mir sehe ich nur noch die wabernde masse, den schemenhaften gleichklang, aber nicht mehr ihre schillernde silhouette. das lässt mich ausatmen. zumindest für den bruchteil einiger sekunden. dann stößt mir das mädchen neben mir ihren ellenbogen in die seite. ich drehe den kopf zur seite und blicke in zwei weit aufgerissene augen. das mädchen von der kasse. oder ihre zwillingsschwester von der garderobe. sie prostet mir lächelnd mit ihrem longdrinkglas zu.

– wer bist du? das kassenmädchen? oder die traumbewahrerin?

ihr lächeln bricht wie ein kartenhaus in sich zusammen. sie senkt ihr glas und entlang ihrer stirn laufen verwirrte falten.

– oder seid ihr etwa drillinge?

– redest du frauen immer mit so einem blödsinn an? ist das deine masche?

– entschuldige, ich dachte nur, ich hätte dich schon einmal gesehen.

das ist aber nun wirklich eine masche!

und dabei glättet sich ihre stirn wieder und ein austauschbares grinsen huscht über ihren mund.

– nenn es wie du willst. es ist auch nicht weiter wichtig.

sie bewegt ihren mund. aber zwischen all den stampfenden rhythmen kann ich sie nicht verstehen. ich kann ihr nur die worte von den lippen sammeln und sie in meinem kopf wieder zusammensetzen: i don’t think about you all the time, but when i do, i wonder why.

die kubische modifikation des kohlenstoffs ist ja auch so eine sache. wegen der hohen lichtbrechung spielen einem die augen dann schon mal einen streich. da passiert es schnell, dass die wahrnehmung in tagträumen baden geht. und dass das unbezwingbare funkeln eines diamanten einem in die handflächen schneidet, ohne dabei auch nur einen tropfen blut zu vergießen. egal, mach deinen kopf weit auf. denn:

es muss nicht immer ein diamant sein … das hat mir mal jemand gesagt. aber heute nacht funkeln die glasscherben nur matt im laternenlicht. und all das vergessenwollen, abhaken und nachvornerichten stößt mir sauer auf. es wildert in meiner kehle. vielleicht auch, weil ich mittlerweile aus dem würfel hinausgelaufen bin und nun auf dem bürgersteig stehe, meine träume wieder in den taschen spüre und mit zerzaustem haar in richtung unendlichkeit blicke und mich frage, ob es jetzt schicksalsgleich wäre, wenn ich gegen den wind kotzen würde.

aber anstatt all das milchwarme übelsein dieser nacht wie windscheibenfliegen an meiner jacke kleben zu lassen, schlucke ich das pochen zurück in den tiefen graben meines magens. und anstatt mich von fliegenden frauen durch die nacht tragen zu lassen, will ich lieber das nachtleben hinter mir lassen und nach hause gehen. ich sortiere meine schritte, will sie so zusammensetzen, dass sie mich nach hause tragen. doch da bricht ein lautes halt! aus der dunkelheit und hält meinen aufbruch mit kühler faust umschlossen.

ein mann von vielleicht vierzig oder fünfzig jahren bewegt sich direkt auf mich zu. er trägt einen knallroten wams, der in brusthöhe mit einer knopfleiste versehen ist, wattierte ärmel mit einem weißen saum am abschluss, als beinkleid eine helle heerpauke, die etwa bis zur hälfte der oberschenkel reicht, weiße strumpfhosen und schwarze reitstiefel. und um das lächerliche kostüm noch zu übertreffen, sitzt auf seiner schulter eine schwarze katze, deren grüne augen wie zwei smaragde aufblitzen.

– wer sind sie?

– ich bin der baron.

– der baron?

– ja, baron de ley. aber alle nennen mich nur baron.

– wohl eher baron münchhausen …

– papperlapapp!

– und warum tragen sie eine schwarze katze auf der schulter?

– ach das, das ist holly golightly, sie wacht über die träume.

das alles ist so schwachsinnig, dass ich gar nicht weiß, wo ich ansetzen soll. der katze hingegen scheint das geschwätz des barons egal zu sein. sie schnurrt zufrieden. ein tiefer, rollender ton, der so unwirklich und zugleich beruhigend durch die nacht streift, dass ich das wirre schauspiel weiter zulasse.

– sie ist was? eine traumwächterin? und du nennst sie holly golightly? wie in der erzählung von capote? das ist ein schlechter scherz, oder?

– was glaubst du wohl? würde holly nicht über die träume wachen, dann würden sich idioten wie du in ihnen verlaufen und nie mehr aufwachen. es gibt da diese schmale grenze, an der sich morgens – im wahrsten sinne! – die geister scheiden. und wenn du die einmal überschritten hast, gibt es kein zurück mehr. deswegen reißt dich holly jeden morgen, bevor du dem wahnsinn verfällst, aus deinen träumen.

der baron macht eine kurze pause, in der er den kopf kurz zu der katze dreht, und fährt dann fort:

– und den namen habe nicht ich ihr gegeben. das war sie selbst. ich nenne sie eigentlich nur katze. denn was anderes ist sie denn? aber madame ist eigen. und manchmal sehr exzentrisch.

– vielleicht sollte ich froh sein, dass es typen gibt, die noch weitaus bekloppter sind als ich selbst …

– mir ist schon klar, dass du mich wohl für ziemlich durchgedreht hältst. an deiner stelle würde ich das wahrscheinlich auch tun. aber lass mich dir wenigstens eins mit auf den weg geben.

– willst du mir nun erzählen, dass die wahrheit nur eine einzige illusion ist, ein bewegliches heer von metaphern, metonymien und anthropomorphismen?

– nein, das ist deine welt. aber das, was ich dir zu sagen habe, ist viel einfacher. ich will dir nur einen gut gemeinten rat geben! trag deine träume nicht in deinen taschen. dort verfaulen sie. wirf sie in die luft, sieh zu wie ihnen flügel wachsen, wie sie sich in den himmel erheben und mit ihren lautlosen flügelschlägen die wolken aufbrechen. sieh ihnen zu, wie sie davonfliegen. sieh ihnen zu. aber renne ihnen nicht hinterher! einige wirst du nie wiedersehen. sie sind es nicht wert, weitere gedanken an sie zu verschwenden. aber andere werden irgendwann zu dir zurückkehren. ihr gefieder wird sich im lauf der langen reise bunt gefärbt haben und sie werden auf eine staatliche größe angewachsen sein. sie werden so stark sein, dass sie dich auf ihren rücken an jeden ort tragen können, den du dir nur vorstellen kannst.

– ist das nicht ein bisschen arg kitschig?

– es liegt an dir, was du aus dem machst, was ich dir gesagt habe. nenn es kitsch. nenn es schwachsinn. nenn es das sinnlose geschwätz eines übergeschnappten trottels, der in einem kostüm zu dieser uhrzeit um die häuser schleicht. aber tief in deinem herzen, weißt du, dass ich recht habe.

ich fasse mir an den kopf. weil da dieses gefühl von verzerrten realitäten hinter der stirn purzelbäume schlägt. und weil die fehlende kognitive kontrolle meine wahrnehmung in unverdauliche häppchen zerteilt, die mir wie steine von den schultern rollen und drohen, mein rückgrat zu zermalmen.

das alles will ich zerdenken und hinter nebelbänken verstecken. ich will nicht länger diesen kreis um mich spüren, der sich mit jedem aufwachen enger um mich zieht. ich will nicht mehr das kratzen im hals spüren, wenn ich mich an all den erinnerungen verschlucke. ich will nur noch schlafen und so etwas wie eine auflösung spüren. ein tiefes zerfließen, das meine moleküle von den dingen befreit, die sich wie raubtierkrallen in meinem nacken verankert haben.

ich greife in die innentasche meiner jacke. da irgendwo muss noch ein päckchen zigaretten zu finden sein. ich suche erst links, dann rechts und finde irgendwann das zerdrückte päkchen mit den letzten beiden zigaretten. genauso unvollkommen wie eine laufmasche, denke ich. aber jetzt und hier werden keine umwege eingelegt, um strumpfhosen auszuziehen und in hautenge jeans zu schlüpfen. jetzt ist der geradeste weg der kürzeste. und der führt aus der zwischenwelt hinaus. mit leerem kopf und einer kippe im mundwinkel.

kosmonauten sind der letzte scheiß. wie sie durch den zigarettennebel schweben. mit diesem bescheuerten grinsen, das sich hinter dem verspiegelten visier in einsamkeit auflöst. wie sie mit ihren klobigen gliedmaßen auf der resterampe des universums gegen mikrometeoriten kämpfen. diese eingepackten königskinder, die im luftleeren vergessen ihre würde an leuchtende gaskugeln verschenken.

der letzte scheiß, wiederholt er und bläst dabei den rauch gegen die zimmerdecke. seine schwarz umrandeten augen werfen ausgebrannte partylaunen in die zimmerecken. aber davon lässt er sich nicht ablenken. nicht davon. er schenkt sich wodka nach und schreibt weiter. von rätseln ohne lösung. von blutleeren versprechungen. und von all den dingen, die im mondschein über den asphalt wandeln. und dann ist es die jahreszeitenwende, die das fenster öffnet und frische luft in den nach abgestandenem wasser riechenden raum weht.

ich stehe am offenen fenster und versuche etwas zu fixieren, das in weiter ferne liegt. etwas, das irgendwo hinter der dunkelheit so etwas wie ein schwaches leuchten von sich gibt. und im schwachen schein des mondes steckt die ahnung eines lächelns. zumindest bin ich mir dessen sicher, weil sich meine nackenhaare vor lauter staunen wie eine winzige armee aufrichten und einen wohligen schauer über den rücken jagen. doch trotz des lächelns ist es traurigkeit, die mir aus den augen rinnt und an den wangen entlang klettert. eine traurigkeit, die vielleicht noch von den zerplatzten träumen genährt wird, die ich nach wie vor noch immer in den taschen trage.

doch plötzlich legt sie von hinten ihre arme um mich. ich erschrecke ein wenig, weil ich mit meinen gedanken auf einer reise durch die nacht war. weil ich überall war. nur nicht hier. nicht bei ihr.

– deine gedanken, wo sind sie?

– …

– oder sollte ich fragen, bei wem?

– was meinst du?

– du bist hier. verdammt, ich kann dich sehen, ich kann dich spüren. aber da oben, da bist du ganz woanders. nur nicht hier. nicht bei mir.

– entschuldige, nadja.

– nina.

– bitte?

– ich heiße nina …

ich gebe ihr einen langen kuss. ein kuss der nach einer mischung aus rotwein, bier, zigaretten und sehnsucht schmeckt. aber ob dazwischen noch andere nuancen sind, die vielleicht nach mehr schmecken, nach etwas, das sich nicht beschreiben lässt, etwas, das sich anfühlt wie verwundete worte, die auf der zunge ins stocken geraten sind, das kann ich nicht sagen. weil in meinem mund ein taubes gefühl umherschleicht. und weil ich sie, um all die wirren überlegungen im keim zu ersticken, an der hand nehme und ins schlafzimmer ziehe.

– küss mir eine frage auf die handfläche. dann frag mich noch einmal, vielleicht mit deinen fingerspitzen. vielleicht auch mit der sanften bewegung deiner hüften.

– und dann?

und dann? keine ahnung. atme mich ein. verschluck mich mit deinen augen. oder lass mich zwischen deinen beinen verschwinden. wahrscheinlich werden heute weder blutegel noch sardinen vom himmel fallen. aber das soll kein grund sein, nicht doch an wunder zu glauben …

– ich glaube an wunder. und ich glaube an dich! komm her. ich will dich fühlen. ich will, dass du kopfüber in mich eintauchst und komplett von mir besitz ergreifst. ich will, dass sich dein kopf leert, wenn ich dich aussauge. dass sich alles gestern in mir in ein morgen auflöst. in etwas, das den funken von zukunft in sich trägt. und mit jedem aufseufzen, das durch meinen körper strömt, möchte ich dieser möglichkeit ein stückchen näher kommen.

du liegst. und du wanderst. deine brüste spazieren zwischen meinen händen, deine haut fließt entlang meiner fingerkuppen, alles fleisch ist in bewegung und wir rennen ineinander, bleiben kurz stehen – nur um mit leichten schritten weiterzulaufen, zwischendurch zu rennen und die richtung zu ändern. mal schließen sich deine augen, mal bohren sie sich in meine blicke, mal schiebe ich mich unter deine fingernägel, mal tanze ich auf ihren spitzen. alles ist jetzt. und jetzt ist alles. dennoch rast noch etwas anderes mit wehenden fahnen durch meine bewegungen. etwas, das nicht hierher gehört. das sich grimassenhaft auf mein gesicht legt. und dir tiefe falten in die stirn gräbt, die lautlose fragezeichen in den raum werfen.

– warum kannst du sie nicht vergessen? warum? genüge ich dir etwa nicht?

noch immer sind ihre wangen leicht gerötet von all dem fiebrigen stöhnen, das eine stunde lang ihren körper durch zwischenwelten getragen hat, die nichts mit denen eines idioten gemein haben.

– weil es für mich nichts schöneres gab, als sie zum lächeln zu bringen. und weil jede ihrer tränen wie eine kleine kostbarkeit war, die ich einsammeln wollte. sie war jemand, den ich besitzen wollte. obwohl ich die ganze zeit über wusste, dass sie nur sich selbst gehört. dass niemand von ihr besitz ergreifen kann. vielleicht hat mich das fasziniert. vielleicht ist es das, was mich noch immer um den schlaf bringt. ich hatte das gefühl, der erste zu sein, dem ihre seele offensteht. und dem deswegen alle anderen türen verschlossen bleiben.

ich zeichne ihr gedankenverloren mit der fingerspitze ein x auf den nackten rücken. und warte auf einen bissigen kommentar oder ein tiefes heeey. aber nichts geschieht. der mond lächelt weiter über meiner scheinwelt. und alle entscheidungen, die zwischen zerwühlten laken schlummern, fallen wie hilflose teddybären von der bettkante.

– aber du, du stellst mich nicht in frage. du stellst uns nicht in frage. du hältst dort deine offenen arme für mich bereit, wo ich herunterzufallen drohe. und dafür liebe ich dich.

– kannst du dir vorstellen, dass das für mich zu wenig ist? und dass ich dennoch nicht von dir lassen kann?

– das kann ich. aber manchmal kann man nur versuchen, den anderen vom offenen fenster zu reißen. manchmal ist dieser versuch alles, woran man sich klammern kann …

– sag mir nur eins, warum kämpfst du nicht um sie, wenn sie dir doch nach wie vor so viel bedeutet?

– das, was du liebst, musst du loslassen können … ich weiß, es ist nicht mehr als ein lausiger kalenderspruch. aber es ist die verfluchte wahrheit. ich will nur, dass es ihr gut geht. egal wo. und egal mit wem …

– aber dich, dich kann ich nicht mehr loslassen. nein. ich will, dass du alles andere zurücklässt. dass du sie zurücklässt! und dass du dich für mich entscheidest. so wie ich mich für dich entschieden habe.

– wenn du mich retten kannst, gehe ich mit dir bis ans ende der welt. du musst mir nur versprechen, dass sich dein kopf nicht gegen mich stellt. und dass das trommeln in deinem herzen alles ist, woran du glaubst, wenn du unter meiner haut dein zuhause aufbaust.

aus den augenwinkeln sehe ich wie am fenster ein spatz vorbeifliegt. ein kleiner singvogel, dessen aufgeplustertes fell stolz im mondlicht schimmert. und ich frage mich, ob das ein traum ist, den jemand freigelassen hat. während aus der winzigen stereoanlage auf dem fensterbrett eine einzelne zeile durch die gefrorene zeit weht. ein einzelnes seufzen, wehrlos und verletzlich: one day baby, we’ll be old / oh baby, we’ll be old / and think of all the stories that we could have told …

manchmal, wenn wir die augen nach jemandem ausstrecken, bleiben wir staunend im staub der straße zurück. manchmal legt sich der staub, aber das staunen lässt nicht nach. auch wenn das kopfnicken wieder anspringt. wenn wir nicht nein sagen, sondern den klängen des morgens eine chance geben. wenn wir nicht mit dem sonnenaufgehen zwischen häuserschluchten verschwinden, sondern beschließen zu bleiben. selbst dann noch klettert das staunen wie ein kleines äffchen aus den fenstern, die uns im innersten das licht auch dorthin schicken, wo chaos und ordnung so etwas wie einen kampf ausführen. da, wo leere stellen darauf warten, frisch tapeziert zu werden.

und irgendwo steht immer jemand am fenster – mit tränen in den augenwinkeln –, um den träumen zuzusehen, die freigelassen wurden und durch die nacht fliegen.

wo bist du, wo bist du, wo bist du …?

– hier. ich bin hier …